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MÜNCHBERGER METZGER SUCHT NEUE WEGE ZUR VERBESSERUNG DER
FLEISCHQUALITÄT
,,Slow Food'' beginnt bei der langsamen Aufzucht
VON RAINER MAIER
Neue Wege will der Münchberger Metzgermeister Rainer Lottes
gehen. Mit der industriellen Massenschlachtung und der 08/15-Produktion
von Fleisch und Wurstwaren hatte der 43-Jährige ohnehin nie
etwas am Hut. Seine Schlachttiere kennt er von jeher alle persönlich.
Mit kleinen, aber gezielten Schritten will er die Qualität
seiner Produkte jetzt noch weiter verbessern. Bei einem ,,Weißwurst-Seminar''
stellte Lottes dieser Tage nicht nur die Verarbeitung eines Schweins
aus eigener Zucht vor, sondern erläuterte nebenbei auch seine
Philosophie des guten Geschmacks.
MÜNCHBERG - Wenn Rainer Lottes ein schönes Stück
Fleisch in der Hand hält, dann gerät er schnell ins Schwärmen.
Er preist die Festigkeit des Muskelgewebes und streicht zart über
die schöne Marmorierung, er lobt die perfekte Färbung
und beschreibt, wie wunderbar sich so ein saftiges Stück zubereiten
lässt, ohne dass es ,,in der Pfanne auf die Hälft' zammschnorrt''.
Während seinen Zuhörern das Wasser im Mund zusammenläuft,
hält Lottes das Fleisch hoch und betrachtet es wie Hamlet den
Totenschädel. Dann nickt er kurz und sagt zufrieden: ,,Das
ist ein Mercedes.''
Spitzenklasse und höchste Qualität der Ware will er damit
ausdrücken, keine Massenproduktion vom Fabrik-Fließband,
sondern das Besondere. Und das kann dann durchaus auch etwas teurer
sein. ,,Gegen die Preise im Supermarkt habe ich als mittelständischer
Metzger ohnehin keine Chance'', sagt Lottes. Er sieht seine Zukunft
darin, den Kunden, die das wünschen - und das werden immer
mehr -, Fleisch und Wurst von hoher Qualität zu bieten. In
Zeiten immer größeren Gesundheitsbewusstseins werde bereits
ganz anders gekocht als früher. ,,Die Metzger müssen deshalb
auch umdenken'', sagt er.
Den Slow-Food-Gedanken des langsamen und genussvollen Essens von
mit besonderer Sorgfalt zubereiteten Speisen findet der Münchberger
Metzgermeister sehr sympathisch. Und doch ist diese Philosophie
für ihn zu kurz gegriffen: ,,Nur langsam essen hilft nichts.
Slow Food beginnt meines Erachtens schon bei der Aufzucht der Tiere.
Denn nur was langsam reift, schmeckt auch wirklich gut.''
Gemeinsam mit dem Mussener Landwirt Günter Schuberth hat Rainer
Lottes deshalb jetzt eine eigene Schweinezüchtung initiiert.
Seit einigen Monaten kreuzt er die in der Region nahezu unbekannten
schwäbisch-halleschen Schweine mit einer anderen Schweine-Rasse,
die einen besonders hohen Fleisch-Anteil hat. Diese neugezüchtete
Rasse wächst sehr langsam heran. Und das, sagt Rainer Lottes,
ist gut so.
,,Normalerweise kommt ein Schwein auf die Welt und nach rund fünf
Monaten ist es bereits gegessen.'' Seine eigenen Tiere stehen sechseinhalb
bis sieben Monate im Stall, bis sie ihr Schlachtgewicht von rund
120 Kilo erreicht haben. ,,Bei uns gibt es kein Schweine-Bodybuilding
mit allerhand Mittelchen, nur um möglichst schnell auf Gewicht
zu kommen.''
Die längere Aufzuchtzeit bedeutet für den Bauern natürlich
höhere Kosten, denn das Schwein muss ja einige Wochen länger
gefüttert und betreut werden. Für Lottes kein Problem:
,,Für das qualitativ spürbar höher wertige Fleisch
zahle ich dann auch gerne mehr.'' Metzger und Bauern seien schließlich
Partner, die nicht selten schon seit Generationen vertrauensvolle
Geschäftsverbindungen zueinander unterhalten.
Dass ein auf Qualität bedachter Metzger die tierartgerechte
Fütterung und Haltung zur Grundvoraussetzung macht, ist für
Lottes ein klarer Fall. Da er - wie eine ganze Reihe von qualitätsbewussten
Metzgern der Region - alle seine Schlachttiere direkt vom Bauernhof
kauft, kennt er das jeweilige Umfeld genau. ,,Ich kann zu jedem
Stück Fleisch in unserer Auslage die Adresse des Ursprungstieres
nennen'', sagt der Metzger.
Mit Freude und Genugtuung beobachtet Lottes, dass sich jetzt auch
andere Bauern für die langsamere Aufzucht interessieren. Noch
habe er öfters Produktionsengpässe und müsse deshalb
auf herkömmlich groß gezogene Tiere zurückgreifen.
Aber das werde sich wohl bald ändern. Auch auf den Bauernhöfen
werde umgedacht.
Reines Bio-Fleisch aus hundertprozentig ökologischem Landbau
will Lottes dabei gar nicht erreichen. Düngung und Pflanzenschutz
- ,,aber immer mit Maß und Ziel'' - seien auf unseren kargen
Böden wohl unverzichtbar, um vernünftige Futterpflanzen
zu erwirtschaften. Wichtig sei, dass jeder in der Produktionskette
die höhere Qualität als Zielsetzung habe und auch danach
handle.
Die beste Aufzucht nütze aber nichts, sagt der Metzger, wenn
die Tiere beim Transport gemartert werden. ,,Wenn da 200 Schweine
zusammengepfercht durch halb Deutschland gefahren werden, dann abgeladen
und ratzfatz geschlachtet - das macht einen Riesenunterschied in
der Pfanne.'' Den Stress und die Angst der Tiere könne man
schmecken, auch ohne ein besonderer Gaumenkünstler zu sein.
Mit den kurzen Wegen durch den Direkteinkauf bei Bauern der Region
und einem möglichst schonenden Transport will Lottes den Tieren
so wenig Stress wie möglich bereiten. Und: ,,Meine Schweine
übernachten noch mindestens ein, zwei Mal im Schlachthof.''
So würden sie wieder zur Ruhe kommen, und das verbessere die
spätere Fleischqualität ganz erheblich.
Dass bei der Schlachtung dann das gelernte Handwerk im Vordergrund
steht, betont Lottes nur am Rande. Jeder Handgriff müsse da
richtig und sauber ausgeführt werden. Dazu hätten die
Arbeiter bei der Fließband-Schlachtung in Massenbetrieben
heutzutage keine Zeit mehr. ,,Handwerkliche Schlachtung ist teuer
geworden'', gibt Rainer Lottes zu bedenken, ,,aber sie lohnt sich
wegen der Verbesserung von Qualität und Hygiene.'' Für
ihn sei dies wichtiger als niedrige Stückkosten.
Während der Metzgermeister seine Philosophie erläutert,
haben seine Mitarbeiter Stefan Feulner und Matthias Schultheiß
im Hintergrund bereits eine halbe Sau fachmännisch zerlegt.
Schließlich sollen ja am Ende des Seminars bei den Zuhörer
nicht nur die Köpfe rauchen, sondern auch der Weißwurstkessel
brodeln.
Am ,,Kutter'', einer Maschine zum Zerkleinern, Mischen, Bräten
und Emulgieren, greift der Chef wieder selbst mit ein. Hier kommt
es darauf an, dass Fleisch, Fett, Gewürze und Salz nicht nur
in der richtigen Menge, sondern auch zum richtigen Zeitpunkt zugegeben
werden, damit der Wurstteig perfekt gelingt.
Rainer Lottes verzichtet auch hier auf künstliche Zutaten,
wo es nur geht. ,,Eine frische Zwiebel hat so viel Geschmack wie
ein ganzes Glas Chemie'', verkündet er. Und von seinem selbst
angesetzten Knoblauch (in Rum!) kriegt man auch im hintersten Eck
des Raumes noch eine tüchtige Nase voll mit, wenn der Metzger
nur den Becher aufdreht.
Mageres Fleisch von der Schulter, Fett aus dem Rückenspeck,
Salz, Zwiebel, Petersilie (,,die Seele der Weißwurst'') und
etwas Zitrone kommen an den Teig. Und - darauf schwört der
Metzger - eine gute Hand voll Warmbrät nach seinem Spezialrezept.
Das ganze wird dann bei bis zu 5000 Umdrehungen pro Minute im Kutter
zerkleinert und umgewälzt. Die Rollen und feinen Messer ,,massieren''
das Fleisch und schließen die Eiweiße auf. Durch die
Zugabe von gestoßenem Eis wird verhindert, dass das Eiweiß
verbrennt und die Geschmacksstoffe verloren gehen. Phosphat als
Hilfsstoff hat an einer Lottes- Weißwurst ebensowenig zu suchen
wie Geschmacksverstärker aus der Glutamat-Dose.
An der nächsten Maschine wird der Teig in sorgfältig
vorbereitete Naturdärme gefüllt. Dann kommen die Weißwürste
in den Kessel zum Brühen. Kaum sind die Seminar-Teilnehmer
mit einem frischen Weißbier vom Fass versorgt worden, stehen
die Würste schon dampfend auf dem Tisch.
Beherzt greifen die Gäste zu, aber man merkt, dass sie an
diesem Abend weit mehr gelernt haben als die Liste der Zutaten zu
einer Münchberger Weißwurst: Sie kauen langsam, konzentrieren
sich auf den Geschmack und essen mit Genuss.
Rainer Lottes steht lächelnd in der Ecke. Er weiß: Wenn
ein Metzger neue Wege gehen will, genügt es nicht, nur seine
Lieferanten, die Bauern, von den Vorzügen der Langsamkeit zu
überzeugen. Auch seine Kunden müssen dazulernen.
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